Mädchens Lied : Jugendgedichte der späteren niedersorbischen Dichterin Mina Witkojz in deutscher Sprache. Nach einer Handschrift aus ihrem Nachlaß im Sorbischen Kulturarchiv Bautzen / Wilhelmine Witka ; hrsg. von Klaus Peter Jannasch. - Cottbus, Saarbrücken : Blumbawka, 2005. - 84 S.

 

„der hatte eine rote Weste an

und kurze Kniehosen mit Knöpfen dran,

um den Kopf geschlungen trug er ein Tuch

und hatte Perlen und Ringe genug,

seine Augen blitzen und in der Hand

hielt er einen Revolver auf mich gespannt“

 

Nicht jedes Kind hat solche üppige Phantasie, wie wir sie in der oben zitierten Strophe (S. 33) der kleinen Minka vorfinden. Dieses Spreewalder Mädchen blieb Träumer auch in der Mündigkeit und wurde zur bekanntesten niedersorbischen Künstlerin. Doch ehe W. Witka (1893-1975) im Jahre 1921 in ihrer Muttersprache zu schreiben begann, dichte sie in der Sprache ihres Schulunterichts, in der Sprache der Werke deutscher Romantik und Klassik, mit denen die Bibliothek ihrer mütterlichen Freundin Valeska Raedsch bestückt war. Z. B. über die Sterne (Am Abend):

 

„Ich seh euch an in stiller Nacht,

wie seid ihr doch so weit!

ihr teilt der Erde Freude nicht,

ihr teilt auch nicht ihr Leid!“

 

30 Texte entstanden um das fünfzehnte Jahr ihres nicht leichten Lebens. Geboren als uneheliches Kind, mit zwölf Jahren eine Halbwaise, schon während der Schulzeit im Heimatort Burg und in Berlin eine Dienstmagd - „für häusliche Arbeiten etwas ungeeignet und recht ungeschickt“ (S. 6) - immer gedrückt durch die Sorge um Wohnung und Auskommen. Von ihrer Geburt an hatte sie zwanzig Wohnstätte, unter diesen waren verschiedene Stuben, Stübchen, Backhäuschen und Kammern. Trotzdem verlor sie den Optimismus nicht, sie beendet ihr Gedicht Sehnsucht eindeutig:

 

„Ja, eine treue Freundin

war immer mir die Not;

und doch: das ärmste Leben

ist besser als der Tod.“

 

Für den heutigen Leser klingen die Erinnerungen an die zarte Kindheit beinahe unglaublich, die Minka auf einem grossen Strohlager verbrachte, nachts mit Großmutter und Tante, tagsüber (im ganzen Haus) mit einem Zulp allein.

Wie in der Lausitz oftmals der Fall ist, wuchs sie in einer zweisprachigen Umgebung heran. Vaters Milieu war mehr deutsch, Mutters Gemeinschaft wendisch. Die Kinder aus der deutschen Kauper-Schule II sprachen unter sich nie etwas anderes als sorbisch. Obwohl ihr Lehrer das nicht verboten hatte und sie seinen Unterrichtsstil liebte, beklagte sich Witka mit folgenden Worten:„niemand vermittelte uns die Liebe zur eigenen Sprache.“ Nun verstehen wir besser den Doppelvers (Rastlos), welchen die künftige erste sorbische Redakteurin in der Zeit ihres unbewußten Sorbentums verfaßte:

 

„Du gleichst dem Eisen, das im Winkel rostet

und dessen Schärfe niemand hat gekostet.“

 

1922 holte Philologe Erst Mucke sie nach Bautzen, um ihr eine umfassende Bildung in ihrer Muttersprache zu geben. Er riet ihr auch, den wohlklingenden Künstlernamen Mina Witkojc anzunehmen. Der Herausgeber verschweigt uns nur, daß der Mädchenname Witkojc als normwidrig gilt. Richtig wäre er Witcyc wie an der Titelseite steht.

Die Erscheinung des Büchleins bemerkte vortrefflich den dreißigsten Todestag der Dichterin und hoffentlich wird sie auch das Interesse an deren spätere Poesie stärken. Von einer populärwissenschaftlichen Ausgabe würde ich jedoch eine breitere Angabe der Textquellen erwarten; Hinweise auf andere sekundäre Literatur fehlen überhaupt. Auf der Seite 41 ist die Zitation (nachet) klar zu bezeichnen, der erste zusammengesetzte Satz zwanzig Seiten weiter ist lückenhaft. Sonst sind des Korrektors Aufmerksamkeit bloß drei Lapsus entflohen: selt(s)ame (S. 49), er(s)cheinen (S. 77) und Chøibsk(á) (S. 80).

 

Richard Bígl